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„Tourismus entfaltet seine größte Wirkung, wenn die Menschen vor Ort ihn mittragen.“

29.01.2026

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8 min

Mecklenburg-Vorpommern ist eines der beliebtesten Reiseziele Deutschlands – und zugleich ein Lebensraum für mehr als 1,5 Millionen Menschen. Wie präsent der Tourismus im Alltag dieser Menschen ist, welche Chancen sie sehen und wo Herausforderungen entstehen, untersucht die landesweite Einwohnerbefragung. Die Erhebung aus dem Sommer 2025 zeigt, wie die touristische Freizeitinfrastruktur von der Bevölkerung genutzt wird, wie gut Informationen ankommen und was Einheimischen bei der Entwicklung ihrer Orte wichtig ist. Für die Studie wurden 803 Einwohnerinnen und Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern vom 25. Juni bis 26. Juli 2025 telefonisch und online befragt. Im Interview erläutern Leonie Scherer und Dr. Sabrina Seeler, warum diese Perspektiven unverzichtbar sind und wie sie helfen, Tourismus dauerhaft im Einklang mit den Bedürfnissen der Bevölkerung zu gestalten.

Im Interview: Leonie Scherer und Dr. Sabrina Seeler

dwif-Tourismusberatung und Deutsches Institut für Tourismusforschung

Leonie Scherer (links im Bild) und Dr. Sabrina Seeler (rechts im Bild) © Katina Raschke & FH Westküste

Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern (TMV):

Frau Scherer, die Tourismusakzeptanz wird in Mecklenburg-Vorpommern seit 2021 jährlich gemessen. Wie steht es aktuell um die Akzeptanz des Tourismus?

Leonie Scherer:

Die Mehrheit der Bevölkerung bewertet die Auswirkungen des Tourismus auf ihren Wohnort auch 2025 weiterhin positiv. Der sogenannte „Tourismusakzeptanz-Saldo“ für den Wohnort liegt bei +45. Das ist ein hoher Wert und reiht sich in den bundesweiten Trend ein. Gleichzeitig sehen wir eine klare Differenz zwischen den wahrgenommenen Auswirkungen auf den Wohnort und die persönlichen Belange. Der persönliche Akzeptanzwert liegt „nur“ bei +19. Etwa die Hälfte der Befragten stuft die Auswirkungen auf sich selbst als neutral ein. Das Muster kennen wir aus ganz Deutschland: Die Menschen erkennen die strukturellen Vorteile für ihre Orte, sehen aber weniger den eigenen Nutzen. Für uns als Branche heißt das, Angebote und Vorteile klarer zu kommunizieren. Die Entwicklung seit 2021 zeigt eine Stabilisierung der Wohnortakzeptanz, aber eine sinkende persönliche Akzeptanz. 2025 liegt der Tourismusakzeptanz-Saldo Persönlich auf dem niedrigsten Stand der Messreihe.

TMV:

Gibt es Unterschiede zwischen den Altersgruppen? Wer ist besonders positiv gestimmt – wer eher kritisch?

Leonie Scherer:

Beim Tourismusakzeptanz-Saldo Wohnort unterscheiden sich die Altersgruppen kaum. Beim persönlichen Wert ist das Bild jedoch deutlich: Menschen ab 70 bewerten den Tourismus ausgesprochen positiv. In der Gruppe der 35- bis 69-Jährigen finden wir die meisten kritischen Stimmen. Hier werden Nutzungskonflikte im Schnitt häufiger wahrgenommen. Bei den unter 35-Jährigen sehen wir einen besonders hohen Anteil neutraler Bewertungen. Das deutet auf Informations- und Erfahrungsdefizite mit dem Tourismus hin. Für die Zukunft ist das relevant, denn diese Generation prägt langfristig die Entwicklung. Jüngere sollten daher stärker in Kommunikation und Beteiligung einbezogen und konkrete persönliche Vorteile sichtbarer gemacht werden. Aber auch die Älteren dürfen wir nicht vernachlässigen.

TMV:

Und wie wirkt sich die Tourismusintensität auf die Akzeptanz aus? Sind die Einwohnerinnen und Einwohner in den Urlaubsorten, Seebädern und Erholungsorten besonders kritisch oder positiv gestimmt?

Leonie Scherer:

In Orten mit hoher oder sehr hoher Tourismusintensität fällt die Wohnortakzeptanz niedriger aus als im Landesschnitt. Zudem beobachten wir eine zunehmende Polarisierung: mehr sehr positive, aber auch mehr negative Bewertungen, während der Neutralanteil sinkt. Der Tourismus wird dort einfach stärker wahrgenommen – im positiven wie im negativen Sinn. Belastungen wie Verkehr, Lärm oder Preissteigerungen spielen eine große Rolle. Aber auch die Wahrnehmung des Tourismus als Freizeit- und Lebensqualitätsfaktor ist ausgeprägter, weil Tourismus präsenter im Alltag ist. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung: Sobald die Polarisierung zunimmt, steigt die Gefahr eines Kipppunktes. In aktuell noch weniger tourismusintensiven Orten lohnt es sich daher, schon frühzeitig Bewusstsein zu schaffen, damit Akzeptanz später nicht kippt.

TMV:

Sie sagten, etwa die Hälfte bewertet die persönlichen Auswirkungen neutral. Woran liegt das?

Leonie Scherer:

Rund ein Viertel derer, die die Auswirkungen auf sich persönlich neutral einstufen, sieht die positiven wie negativen Effekte für sich in einer Balance. Etwa 51 Prozent geben an, sich persönlich nicht betroffen zu fühlen. Ein weiterer Teil hat Schwierigkeiten, die Auswirkungen einzuordnen und bleibt daher neutral. Die Ursachen können vielfältig sein: fehlende Information, geringe persönliche Nutzung touristischer Angebote oder eine gewisse Distanz zur Branche. Für die Kommunikation ist das eine Chance: Die Neutralen sind schwerer zu erreichen, bieten aber das größte Potenzial, wenn es gelingt, das Thema verständlich und relevant zu vermitteln.

TMV:

Frau Dr. Seeler, die Studie zeigt, dass 52 Prozent ihre Lebensqualität als hoch einschätzen – in den Urlaubsorten sind es sogar 65 Prozent. Womit sind die Menschen besonders zufrieden – und wo besteht Nachholbedarf?

Dr. Sabrina Seeler:

Wir haben uns in diesem Jahr insbesondere Aufenthaltsaspekte der freizeittouristischen Infrastruktur angesehen. Sehr hohe Zufriedenheiten sehen wir bei Ruhe-, Erholungs- und Rückzugsmöglichkeiten, hier sind 85 Prozent der Befragten (sehr) zufrieden. Auch Fuß-, Rad- und Wanderwege werden von 78 Prozent positiv bewertet und gelten gleichzeitig als besonders wichtig. Wesentlich zurückhaltender fallen die Bewertungen bei Einkaufsmöglichkeiten aus, hier liegt die Zufriedenheit bei 53 Prozent, sowie bei Restaurants und Cafés bei 51 Prozent. Spannend ist der Blick auf stark touristisch geprägte Orte: Dort steigt die Zufriedenheit mit gastronomischen Angeboten auf 72 Prozent und mit Einkaufsmöglichkeiten auf 66 Prozent. Das spricht für positive Impulse durch den Tourismus, etwa durch ein vielfältigeres Angebot oder Investitionen in die Infrastruktur. In weniger touristisch geprägten Orten zeigen sich dagegen deutlich größere Abstände zwischen Wichtigkeit und Zufriedenheit. In diesem Jahr haben wir erstmalig auch die Nutzungshäufigkeit als dritte Komponente betrachtet: Denn es kann natürlich sein, dass ich mit einem Aspekt sehr zufrieden bin, der mir aber eigentlich recht unwichtig ist und ich das Angebot entsprechend auch weniger selbst wahrnehme und nutze. Dann hat das eine andere Relevanz, als wenn mir ein Aspekt sehr wichtig ist, ich aber wenig zufrieden bin und entsprechend auch wenig nutze. Bei den Naherholungsmöglichkeiten sehen wir nicht nur eine hohe Zufriedenheit und Wichtigkeit, sondern auch hohe Nutzungsraten – ein klares Indiz, dass diese Angebote geschätzt werden. Ganz anders stellt sich die Lage bei Restaurants und Cafés dar: Landesweit geben lediglich 29 Prozent an, diese (sehr) häufig zu nutzen. In Orten mit hoher Tourismusintensität steigt der Wert immerhin auf 43 Prozent, bleibt aber deutlich unter der wahrgenommenen Wichtigkeit und Zufriedenheit. Ähnlich ist es bei Stadt- und Straßenfesten oder sportlichen Angeboten: Sie werden als wichtig betrachtet, aber längst nicht von allen aktiv genutzt.

TMV:

Woher kommen die Unterschiede in der Nutzung touristischer Angebote?

Dr. Sabrina Seeler:

Diese Diskrepanzen haben unterschiedliche Ursachen: Zum einen fällt ins Gewicht, dass bestimmte Angebote in vielen Orten (noch) nicht oder nicht mehr vorhanden sind. Dieser Mangel wird besonders bei Restaurants, Bars, Einkaufsmöglichkeiten und kulturellen Angeboten genannt. Zum anderen spielt die Preisgestaltung eine wichtige Rolle: Während landesweit 23 Prozent Restaurants und Cafés als zu teuer empfinden, liegt dieser Wert in tourismusintensiven Orten mit 61 Prozent deutlich höher. Gleichzeitig nehmen viele Einheimische an, dass bestimmte Angebote eher für Gäste konzipiert seien – insbesondere bei Kunst- und Kulturangeboten ist das überdurchschnittlich häufig der Fall gewesen. Das führt dazu, dass selbst Angebote mit hoher Zufriedenheit und Wichtigkeit nur begrenzt genutzt werden. Die Nicht-Nutzung wird aber auch oft altersbedingt begründet oder ist mit Mobilitätseinschränkungen verbunden.

TMV:

Aus früheren Studien wissen wir, dass Partizipation einen Einfluss auf die Tourismusakzeptanz hat. Vor diesem Hintergrund: Wie bewerten die Einheimischen ihre Möglichkeiten, sich über touristische Entwicklungen zu informieren und mitzuwirken – und wie wichtig sind ihnen diese Themen?

Dr. Sabrina Seeler:

Für 54 Prozent der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind Informationen über touristische Entwicklungen (sehr) wichtig, doch nur 36 Prozent sind mit den bereitgestellten Informationen (sehr) zufrieden. Diese Diskrepanz zeigt sich im ganzen Land und ist in tourismusintensiven Orten besonders ausgeprägt, wo die Bedeutung von Information weiter steigt, die Zufriedenheit jedoch nicht im gleichen Maße Schritt hält. Beim Mitspracherecht finden wir ein ähnliches Muster vor: Die Wichtigkeit ist hoch, aber nur etwa ein Viertel fühlt sich tatsächlich gut beteiligt. Gerade in stark besuchten Urlaubsorten wächst der Wunsch nach Mitsprache deutlich, während das Gefühl, ausreichend beteiligt zu sein, eher stagniert. Das weist darauf hin, dass Informations- und Beteiligungsprozesse sichtbarer, zugänglicher und verbindlicher gestaltet werden müssen.

TMV:

Geht aus der Befragung auch hervor, warum sich so viele nicht ausreichend informiert oder beteiligt fühlen? Warum nutzen Menschen ihre Beteiligungsmöglichkeiten nicht?

Dr. Sabrina Seeler:

Dafür gibt es mehrere Gründe. Viele wissen nicht, wo und wie sie sich beteiligen können, oder haben das Gefühl, dass ihre Stimme wenig bewirkt. Andere fürchten, dass ihr Wissensstand nicht ausreicht, um sich einzubringen. Dazu kommen ganz praktische Hürden wie schwer erreichbare Formate oder der Eindruck, dass Entscheidungen ohnehin schon getroffen sind. Besorgniserregend ist der Anteil derjenigen, die gar kein Interesse an Beteiligung oder Information angeben: landesweit 49 Prozent, in tourismusintensiven Orten sogar 67 Prozent – die Enthaltung ist ein Warnsignal! Wir müssen die Einheimischen wieder stärker für den Tourismus gewinnen. Denn Tourismus entfaltet seine größte Wirkung, wenn die Menschen vor Ort ihn mittragen.

TMV:

Frau Scherer, was können Kommunen und Destinationen tun, um Information und Kommunikation zu verbessern?

Leonie Scherer:

Wichtig ist zunächst die Haltung: Es lohnt sich immer, Einheimische einzubinden. Sie kennen und lieben ihre Orte und haben vielfach gute Ideen. In Berchtesgaden wurde in einer Einwohnerbefragung der Wunsch nach mehr Information ebenfalls klar geäußert. Die Stadt reagierte mit einem WhatsApp-Kanal, der schnell und kostengünstig funktioniert. Er liefert Informationen, z. B. zu Veranstaltungen oder der Tourismusentwicklung, und ermöglicht kurze Umfragen. Zusätzlich wurden junge Menschen gezielt über Vereine und Arbeitsplätze angesprochen und zu einem Kamingespräch eingeladen, weil sie kritischer eingestellt waren. Das zeigt: Es müssen nicht die großen Kampagnen sein. Kleine, passgenaue Maßnahmen können ebenfalls sehr wirkungsvoll sein.

TMV:

Und wie lässt sich die Nutzung touristischer Angebote steigern?

Leonie Scherer:

Viele Orte setzen auf Anreize und geben den Einheimischen damit gleichzeitig etwas zurück. Auf Usedom gibt es die Aktion „Sei Gast auf Deiner Insel“ – in St. Peter-Ording zum ersten Mal die „Inheemsche Wintertied“: Von November bis Februar, also in den buchungsschwächeren Monaten, gibt es dort Rabatte in Restaurants oder günstige Übernachtungsangebote für Einheimische. Solche Aktionen ermöglichen es, die Perspektive zu wechseln. Gleichzeitig stärken sie die Rolle der Bevölkerung als Botschafter, denn wer das Angebot kennt und gut findet, kann es besser weiterempfehlen. Mit solchen Aktionen kann die Tourismusbranche ihr Potenzial ausschöpfen.

TMV:

Zum Abschluss, Frau Dr. Seeler: Was können wir aus der Befragung 2025 insgesamt mitnehmen? Was raten Sie Touristiker*innen, Kommunen und Destinationen in Mecklenburg-Vorpommern?

Dr. Sabrina Seeler:

Die Wohnortakzeptanz stabilisiert sich auf einem guten Niveau, liegt aber weiterhin unter den Anfangswerten. Sorge bereitet der Rückgang beim persönlichen Nutzen. Entscheidend wird sein, Einheimische stärker einzubeziehen, Vorteile klarer darzustellen und Nutzungsmöglichkeiten sichtbarer zu gestalten. Viele freizeittouristische Angebote sind wichtig für Einheimische und werden gut bewertet, aber nicht regelmäßig genutzt. Hier gibt es noch Potenzial. Einheimische sind eine wichtige Zielgruppe – und das nicht nur im Tagestourismus. sondern auch für Kurzreisen im eigenen Bundesland, dieses Potenzial wird noch nicht ausreichend genutzt! Akzeptanz zu schaffen ist eine dauerhafte Aufgabe, die Information, Beteiligung und das Aufzeigen konkreter Vorteile erfordert.

TMV:

Vielen Dank für das Interview!

TMV:

Die vollständigen Ergebnisberichte der Einwohnerbefragung zum Tourismus 2025 finden Sie in der Tourismusakzeptanz-Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern unter strategie.tourismus.mv/tourismusakzeptanz/daten-trends. Kommunen und Destinationen können sich künftig an den landesweiten Einwohnerbefragungen beteiligen, um eigene Daten zu erhalten. Weitere Informationen unter strategie.tourismus.mv/tourismusakzeptanz/einwohnerbefragung. Bei Fragen hierzu oder für fachlichen Austausch steht Ihnen Matthias Pens, Projektmanager Tourismusakzeptanz unter m.pens@auf-nach-mv.de oder 0381 40 30 677 zur Verfügung.